Teil 7: Mein Tagebuch in Farben.

„“Woher kommst du?” ist keine Frage die man stellen darf, nur weil jemand anders aussieht.“

 

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Wie es aussieht müssen wir nun doch keinen Covid19-Test machen um nach Deutschland fliegen zu dürfen. Habe ich mir ein kräftiges Nasebohren gespart…

Trump hat verloren, nun so richtig, mancherorts sogar mehrmals. Und wie ich in meinem letzten Beitrag gesagt habe, sind alle anderen Schuld. Wahlbetrug…

21.01.2021

Mittlerweile habe ich das “Vicco” Werk begonnen. Eine ca. 2m x 1,5m Leinwand. Das werden angespannte und intensive Monate. Aber es beruhigt mich, ihn bei mir zu haben. Ich fühle ihn. Ich rede mit ihm. Ich vermisse ihn. Jeden Tag im Studio.

Den aktuellen Stand dieser besonderen Arbeit findest du unten.

Dieses Jahr ist und war kräftezehrend. Nicht nur, dass ich nach Südafrika gezogen bin, direkt im Lockdown gelandet bin und zwei Familienmitglieder verloren habe – hinzu kommt die tägliche Angst über die Zukunft, die Kunst und die Gesundheit. Die Gesellschaft. Der Mensch. Erste Welt. Und Privilegien.
Hier in Johannesburg ist man täglich mit extremer Armut konfrontiert. Gleichzeitig mit extremer Kriminalität. Uber-Fahrer erzählen mir von Überfällen mit AK47-Gewehren. Mitten am Tag. Immer dort wo ich arbeite. Meine An- und Abfahrten zum Studio sind immer aufregend und mit großer Vorsicht zu behandeln. Man wird gelassener. Verliert die Anfangsangst. Doch muss man auf so viele Dinge achten. Fenster hoch. Türen zu. Kein Telefon benutzen, oder zeigen. Nichts das nach Wert aussieht an sich haben. Markensachen. Technik. Zu schell geschieht ein Überfall. Zu schnell hat man eine Pistole vor dem Gesicht. Ich frage mich wann es mir zum ersten Mal passiert. Nicht ob.
Schüsse habe ich schon gehört.
Gesehen.

Meine Kunst wird berührt durch diese Energie. Johannesburg ist keine Stadt. Johannesburg ist ein Lebensgefühl.

Ich wohne in einem Sicherheitskomplex. Habe 24 Stunden Schutz, inklusive Wachmänner und elektronischen Türen. Hier kann ich Luft holen.

Blase.

Manchmal machen wir einen Ausflug in einen Park. Hier zahlt man Eintritt. Hier ist man sicher. Und hier kann man die Kontrolle für einen kurzen Moment verlieren, ohne dass man Angst haben muss überfallen zu werden.

Die Bescheidenheit die eingefordert wird, ist wichtig. Gesund. Gleichzeitig schäme ich mich für die erste Welt. Schäme ich mich für Status. Status istr beschämend. Tatsache.

“First World Problems”

“White People Problems”

Wie kann man sich diskriminiert fühlen, wenn man eine Maske tragen soll? Häng ein Schild mit “Nur für Schwarze Zutritt!” an einen Supermarkt, dann darf man von Diskriminierung reden. Und erst dann wissen sie was wirkliche Diskriminierung ist.

Privilegierte Erstwelt-Idioten.

Es geht um Demut. Um Mitmenschlichkeit. Um Achtsamkeit.
Freiheit ist ein Privileg. Und oft ist Freiheit weiß.

Wir wachsen mit dem Gefühl auf, das uns die Welt gehört.

Aufwachen. Reflektieren. Demut.

Mein Onkel ist dieses Jahr an Covid19 gestorben. Er war der beste Dachdecker aus der Stadt Eisenberg, Thüringen.

Wir vermissen dich Onkel Horst Binneweiß.

Maske tragen.
Distanz.
Hände waschen.
Ihr Querdenker/Idioten!

Das macht mich alles so wütend.

Hier lebe ich das erste Mal in meinem Leben in der Minderheit. Und es macht mich glücklich. Ich lerne so viel. Und bekomme Antworten auf Fragen, die ich nie gestellt habe. Jeder weiße Mensch der ersten Welt, sollte einmal in der Minderheit leben. Und einfach mal die Fresse halten.

“Woher kommst du?” ist keine Frage die man stellen darf, nur weil jemand anders aussieht. Sie diskriminiert und setzt voraus, dass jemand nicht von “hier” sein kann. Mein Cousin Vicco wurde in Berlin geboren. Er war schwarz. Er wurde oft gefragt. Wollte er doch nur dazugehören.

DAS ist Diskriminierung!
Maske tragen NICHT!
Und Covid19 ist auch keine Verschwörungstheorie.
So.
Viele.
Idioten!

Ah!

Ich glaube mein Körper hat nachgelassen im Lockdown. Ich gehe nicht so oft spazieren, wie es in Berlin möglich ist. Hier geht man einfach nicht spazieren. Es ist gefährlich. Es ist anstrengend. Man muss immer aufpassen. Man darf nicht träumen. Ich träume.
Nachts darf man eh nicht raus.
Mir fehlt diese Freiheit.
Spazieren gehen. Ohne Angst zu haben. Ohne vorsichtig sein zu müssen.

Schnell mal in den Baumarkt. Supermarkt. Kunstmarkt. Geht nicht. Alles braucht einen Plan.

Auf der Wiese liegen? Vergiss es.

Öffentlicher Transport ist hier nicht. Uber oder Auto. Anstrengend.

Telefone sollte man hier auf der Straße auch nicht rausholen. Sie sind schnell weg. Eine schöne Freiheit. Erzwungene neue Verhaltensweisen. Zurück in die 90er. Ich lasse mein Telefon oft Zuhause. Ich brauche es nicht.

Außer für das Uber.
Das merke ich oft zu spät…

Mein neues Leben macht mich nervös.

Ich liebe Veränderung. Aber kaltes Wasser, ist kaltes Wasser.
Ich vermisse die Filmwelt gleich Null. Ich habe sie geliebt. Ich habe sie gehasst. Ich brauche sie nicht mehr. Man wacht auf. Dann ist sie weg. Weiter geht es.

Traumrolle.

Ich male. Jeden Tag.
Menschen kaufen meine Arbeit.
Mein Tagebuch in Farben.
Ein Leben lang habe ich danach gesucht.

Ich muss niemandem gefallen. Ich darf meine Geschichten erzählen. Ich lebe das Leben, dass ich im Film gerne gespielt hätte. Ich darf meine Träume verwirklichen. Ich lerne. Ich erfinde. Im engen Kontakt mit dem Leben. Ich bin keine Zutat. Ich erschaffe etwas. Mit meinen Händen. Analog. Für die Ewigkeit.

Meine Ölbilder brauchen oft mehrere Monate um fertig zu sein. Zu werden. Wenn sie es werden…

“Ich will es verbrennen!”

Jedes Werk ist ein Teil meines Lebens. Ein Tagebuch. Von überall.

Freiheit.
Mit Händen.
Zum Anfassen.
Zum Berühren.
Berühren.
Liebe und Leben.

Ich glaube ich habe eine Depression. Mein Körper fühlt sich ganz schwer an.

2020.

R.