Teil 6: US-Wahlen, Vicco und vertrocknete Pflanzen.

„Techno!
Kindheit!
Freiheit!
Autonomie!“

„Offline ist Online, im Leben.“

 

(Copy/Paste for English version: http://www.deepl.com)

Heute bin ich um 6 Uhr aufgestanden. Wach war ich schon lange davor. Ich habe mir Kaffee gemacht und mich von meinem Telefon ferngehalten. In der Nacht ist viel passiert. Der amerikanische Präsident wird gewählt.
Ich habe mich in Ruhe auf die Couch gesetzt, einen ersten Schluck Kaffee getrunken, und dann habe ich die Nachrichten angemacht. Joe Biden führt.
223 zu 174. Jetzt heißt es Daumen drücken. Donald Trump muss weg. Seine Energie muss weg.

Ich denke an meinen Cousin. Im August hat er sich das Leben genommen. Die Isolation durch den Lockdown und die gleichzeitige Überflutung von Social-Media Bewegungen haben ihm Kraft gekostet.

Black Lives Matter.
Corona.
Isolation.
Donald Trump.

Ich vermisse dich Vicco! Verarbeiten werde ich deinen Tod wohl nie. Doch werde ich dich auf einer großen Leinwand unsterblich machen.
Einen Tag nach deinem Suizid, am 17.8.2020, wurde in Südafrika die Prohibition beendet. Warst du das? Hast du da oben was klar gemacht?
“Mein Bruder braucht Alkohol!”
Ja, den habe ich gebraucht…
Wie oft will ich dich anrufen. Mit dir Lachen. Ich höre dich eh sehr oft lachen. Immer wenn ich mich lachen höre.
“Ihr lacht gleich! Ja, man merkt dass ihr verwandt seid!” haben wir in den Clubs Berlins oft zu hören bekommen. “Wir sind Cousins!” war auch immer der lustigste Spruch um gemeinsam Frauen anzusprechen. Hatten wir jeder eine andere Hautfarbe, hatten wir doch die gleiche Seele. Ich war so stolz auf dich! Bin es noch.

Du fehlst.
Ich habe meinen kleinen Bruder verloren. Und habe es nicht kommen sehen.
Es tut mir leid.

Donald Trump muss verlieren. Vicco hätte es sich so gewünscht. Mal sehen wie die nächsten Stunden aussehen. Stimmen werden noch gezählt.

Am Sonntag habe ich meinen ersten öffentlichen Kunstevent hier in Johannesburg.
Aufregend.
“Open Studios”
Ich habe mein Studio ja im August House. Ein großes, altes Fabrikgebäude mit ca. 40 Künstlern aus Afrika. Besucher können durch das Haus gehen und sich die Studios der Künstler anschauen. Hinter die Kulissen blicken. Gleichzeitig wird Kunst ausgestellt und Kuratoren und Galerien haben die Chance, sich ein Bild zu machen.
Aufregend!
Ich werde meine kleinen Lockdown-Arbeiten, die ich Zuhause gemacht habe, im Studio auf dem Boden verteilen. Wie einen Kunstpfad. Gleichzeitig kann man meine aktuellen, großen Leinwände anschauen. Im aktuellen Stand. Auch sieht man durch die kleinen Arbeiten, den schleichenden Prozess zu den großen, aktuellen Werken. Ein Weg durch 2020. (Die kleinen Werke findet ihr hier auf meiner Website unter der Kunst-Kategorie “Johannesburg”.)

224 zu 213. Au man. Das ist mir zu spannend. Ich brauche Kaffee.

Mittlerweile kann ich links Auto fahren. Mal was anderes.
Situationen wo ich rechts fahre gibt es auch noch…

Ich schaue gerade die Rede von Donald Trump beim aktuellen Stand von 225 zu 213 – ich mache den Fernseher aus.

Heute habe ich einen Theorietag. Lernen über Kunstmaterial, die Chemie, die Techniken. Mein bestimmt 6 kg Kurt Wehlte Buch habe ich mir aus Deutschland mitgenommen. Das wohl beste Buch wenn es um die Maltechnik geht. Es hat mir u.a. sehr bei dem Thema Schichtenmalerei geholfen. Man malt fast transparente, farbige Schichten übereinander und erreicht ganz besondere, visuelle Wirkungen, die man durch einfaches Mischen der Farben nicht erreichen kann. Zum Beispiel malt man eine Schicht Rot und Blau übereinander und erreicht durch die Lichtbrechung Violett. Also nicht durch das Mischen der Pigmente (also den Farben aus der Tube) direkt miteinander. Ich liebe das Spiel mit den Lasuren. Und man kann unendlich viele Lasuren übereinander malen. Die Farben leuchten richtig. Und das will ich erreichen.

Techno!
Kindheit!
Freiheit!
Autonomie!

Nur muss man Geduld haben dabei. Öl trocknet nur sehr langsam und eine Schicht muss trocken sein, um eine neue aufzumalen. Sollen sich die Lasuren ja nicht miteinander verbinden. Zum Glück gibt es sogenannte Mal-Medien, Zusatzstoffe mit denen ich den Trocknungsprozess beschleunigen kann.
Egal.
Theorietag.
Bis später.
Und ich hoffe mit guten Nachrichten zur US-Wahl…

So, gefrühstückt, gelernt, Nachrichten angemacht…
“Wir haben die Wahl gewonnen!”
Zitat von Trump VOR den endgültigen Auszählungen. War ja zu erwarten.
Nachrichten aus.
“Wir haben gewonnen…” – davon wird er in den nächsten Monaten bestimmt auch nicht wieder abweichen. Narzissten geben keine Niederlagen zu. Irgendwer wird Schuld sein.
Abwarten.

Wenn Trump neue vier Jahre bekommt, gehe ich offline. Keine Nachrichten mehr. Kein Twitter mehr. Jedenfalls fühle ich mich gerade danach.

Als ich meine Atlantiküberquerung gemacht habe, habe ich auf dem Schiff mehrere Tage keinen Empfang gehabt, ihn auch nicht gesucht. Fast einen Monat. Mir hat nichts gefehlt.
Offline ist Online, im Leben.
In dieser Zeit habe ich viel gelernt.
Heute ist Heute. Dann morgen.
Meine Gedanken schützen. Und den Input durch andere Gedanken kontrollieren. Sie stoppen.
Man muss sich schützen vor so vielen Informationen. Der Mensch ist nicht dafür gemacht. Wie soll man sich auf sein Leben konzentrieren, wenn fremde Gedanken einen Minuten, Stunden oder auch Tage klauen?
Hört man etwas, denkt man darüber nach.
Hört man nichts, hat man Zeit gewonnen.
Ich lebe im hier und jetzt. Kontrolliere meinen Input. Lege mein Telefon weg. Antworte nicht, nur weil mir jemand schreibt. Schaffe dafür extra Termine. “WhatsApp antworten”,
“Emails antworten”,
“SocialMedia”.
Dann lege ich es wieder weg und bleibe bei mir.
Freiheit.
Nehmen!
Der wohl größte Drang seit meiner Kindheit. Seit dem Mauerfall. Er prägt mein Leben.

Meine Pflanzen sind mir weggetrocknet, als wir in St. Lucia im Urlaub waren. Der erste Urlaub in diesem Jahr. Auch durften wir wegen dem monatelangen Lockdown die Stadt eh nicht verlassen. St. Lucia liegt am Ozean.
Die Pflanzen standen in der Sonne. Im Wind. Ich lese einen Artikel über “das Retten von tropischen Pflanzen” und habe eine ganz neue Sicht auf die grüne Welt gewonnen. Ich fange an Claude Monet zu verstehen. Man kann eine emotionale Beziehung zu seinen Pflanzen aufbauen. Ich begrüße sie jetzt jeden Morgen, und sage auch mal Gute Nacht. Ich freue mich über jedes neue Blatt und pflege sie.
Leben.
So, ich muss sie jetzt gießen.

Der Theorietag ist vorbei. Jetzt gehe ich ins Bett.
248 zu 214. Au man…

Guten Morgen! Und was für einer! 264 zu 214. Zwar noch nicht offiziell, aber man kann darauf hoffen. Ein Staat noch, dann hat Biden eine Punktlandung und Vicco kann sich, von wo auch immer er gerade zuschaut, freuen! Ich höre ihn lachen!

Heute regnet es in Johannesburg. So ist der Sommer hier. Tropisch. Hitze und Regen. Stürme und Blitze.
Farben!

Morgen bekomme ich endlich meine 10-Stufen Leiter ins Studio geliefert. Hoffentlich. Man weiß hier nie.

Keine Ahnung was ich noch schreiben soll. Ich wollte endlich mal wieder etwas schreiben. Doch der monatelange Lockdown und der Suizid von Vicco haben mich aus der Bahn geworfen. Ich habe keine Worte gefunden. Und es fällt mir noch immer schwer.
Bald wieder.
Mehr Energie.
Und vielleicht darf ich im Dezember nach Hause. Nach Deutschland. Weihnachten feiern.
Habe meine Familie nun ein ganzes Jahr nicht gesehen. Sie fehlen mir.
Wo ist die Sonne.
Was ein grauer Tag.
Fuck Trump!

R.

 

Gewitter in Johannesburg.