Teil 2: Die erste Solo-Ausstellung.

„Tagträume. Sie kommen und gehen. Schon ein Leben lang.“

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Ich binde mir die Schuhe zu und stelle mir vor, dass nicht die Freiheit, nicht der Frieden, sondern der Krieg vor der Tür auf mich wartet.
Ja.
So Gedanken habe ich manchmal.
Schon als Kind kamen sie.
„Ralphi, ist alles in Ordnung?“
Eine Erklärung dauert zu lange.
Habe ich keine Lust.
Ich antworte mit einem kurzen: „Ja.“

Heute bin ich ein Soldat.
Ein Mann der seine Familie verteidigen will. Sie beschützen will.
Mir wird kalt.
Was haben die Menschen gefühlt, als sie wussten, dass Hitler an der Macht ist? Die SS an die Türen klopft und geliebte Menschen gewaltsam voneinander trennen wird?
Weinende Kinder.
Eltern.
Mütter.
Was haben die Männer gefühlt, die in den Krieg ziehen mussten? Weil sie Männer waren— es ihre Pflicht sei… .
Und Schuhe müssen wir alle binden.

Ich halte kurz inne— dann ziehe ich die Knoten fest.
Einen Moment lang finde mich in vielen Geschichten wieder. Lebe in fremden Gedanken. Es macht mich traurig, dass so viele Menschen in Deutschland— und wenn man das Weltgeschehen verfolgt, in vielen Ländern— das Geschenk der Freiheit, des Friedens und der Demokratie nicht wertschätzen können.
Bis es zu spät ist und auch die Nächstenliebe zu einer Erinnerung wird.

Mittelmeer.

Ich ziehe mir die Jacke an und verlasse die Wohnung.

Heute ist der 9.11.2019. Vor genau 30 Jahren fällt die Mauer. Vor 30 Jahren bekomme ich die Freiheit geschenkt. Und vor genau 30 Jahren sehe ich die Farben die mein Leben prägen sollten zum ersten Mal.
Ich gehöre zu der letzten Berlin-Generation, die in eine Diktatur geboren wird, ihr System und ihre Demütigung als Kind erlebt und sie mit eben diesen, von Freiheit träumenden Kinderaugen verschwinden sieht.
Träume die wahr werden.

Ich habe nicht geplant genau heute, dem Jahrestag des Mauerfalls, über meine erste Solo-Ausstellung zu schreiben. Es soll wohl so sein. Wie so vieles in meinem Leben. Mit dem Blick zurück entdecke ich die Antworten auf viele vergangene Fragen.

Ich sitze im Zug nach Hamburg um Freunde zu besuchen.
R., seine Frau B. und ihre 2 Kinder.
R. und ich haben uns 1999 beim Wehrdienst in der Deutschen Luftwaffe kennengelernt. Eine sehr prägende Zeit.
Heute würde ich den Zivildienst vorziehen, bzw. es nicht verpassen, mich früh genug um eine Zivildienststelle zu kümmern… .
“Husten sie bitte Herr Kretschmar! Alles in Ordnung. Sie können sich wieder anziehen.”
Ohne Worte.

Jedoch bin ich glücklich, dass ich auf diesem Wege einen ganz besonderen Menschen kennenlernen durfte.
Mittlerweile ist die Wehrpflicht abgeschafft. Was ich gut finde. Doch bin ich der Meinung, dass man ein soziales, gemeinnütziges Pflichtjahr wie den Zivildienst wieder einführen sollte. Zu viele denken nur an ihre Rechte. Niemand ist sich bewusst, dass man der Gesellschaft gegenüber auch Pflichten hat und die Freiheit die wir genießen “Pflege” benötigt und nicht selbstverständlich ist. Ein soziales Pflichtjahr würde das menschliche Miteinander nachhaltig verbessern.
Ein Gedanke.
Mein Gedanke.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 7 Uhr. Samstag. Oh man.
Links und rechts schlafen alle. Direkt neben mir liegt ein Kopf auf der Ablageklappe— mal sehen wie lange noch— das Tablett berührt allmählich seine Knie.
Ich brauche Kaffee.
Moment.

Da bin ich wieder.
Danke Bordrestaurant.

Ja, bevor es für mich in wenigen Wochen nach Johannesburg geht, sollte ich die Nähe Europas noch ausnutzen und Freunde besuchen. Soweit es mein enger Zeitplan zulässt.

Mittlerweile sind fast 3 Wochen vergangen. Mehr als 150 Gäste besuchen im Laufe des Abends die Eröffnung meiner ersten Solo-Ausstellung in der Berliner P7 Galerie. Einige der ausgestellten 16 Werke finden seitdem in Privatsammlungen ihr neues Zuhause.
Ein Lächeln.
Mein Lächeln.

Noch immer fällt es mir schwer, die Erinnerungen an diesen bewegenden Abend zu greifen. Es fühlt sich an, als hätte ich mein Leben lang nie etwas anderes gemacht als zu malen. Und doch habe ich eine so große Reise hinter mir.
Vor mir.
Die Vorbereitungen für die Ausstellung beginnen im August 2019, als J. auf mich zukommt und mir anbietet, meine erste Solo-Ausstellung in seiner Galerie zu kurieren. Nicht nur, dass ich eine Ausstellung bekomme; auch soll sie genau in dem Bezirk stattfinden in dem ich meine Kindheit verbracht habe, ein Kinderleben lang von der Freiheit träume und ich das Verschwinden einer Diktatur hautnah miterlebe.
Prenzlauer Berg.
Der wohl wichtigste Ort meines Lebens.

Mit dem Mauerfall verschwindet mein Heimatland. Doch mein Heimatbezirk bleibt.
Danke J..
Es fühlt sich so richtig an alles. Als ob alle Entscheidungen die ich in meinem Leben getroffen habe genau auf diesen Moment hinführen sollten. Dafür werde ich dir für immer dankbar sein.

So. Ich bin in Hamburg! Gleich gibt es Frühstück! Ich freue mich so auf die vier Hamburger Hallenser. Tschüss alle!

Mitt—
Ler—
Weile—
ist es Sonntag und ich sitze im sehr vollen Zug zurück nach Berlin. Nichts ist schlimmer, als in einen Zug zu steigen in dem alle Sitze mit “Ggfs. Reserviert” beschriftet sind.

Hier und da stehen Fahrgäste auf, setzen sich wieder hin, drehen sich um und beobachten skeptisch alle Personen die sie nicht kennen. Einige holen ihren Koffer von der Ablage und wuchten ihn gegenüber wieder hoch, wenn sie Glück haben. Ansponsten verlassen sie entnervt die Reihe in der sie gesessen haben, springen zwei Reihen vor, zurück— oder gehen fluchtartig— fluchartig? mit ihren Sachen unter den Armen, über den Schultern, zwischen den Beinen… murmelnd in den nächsten Wagen.
Wer reserviert denn? Das fragen sich gerade alle— die es nicht getan haben.
Ich habe Glück. Ich bin nur vom Fenster- auf den Gangplatz gerückt.

Der Abschied von meinen Freunden und ihren Kindern ist traurig. Ich werde sie wohl ein paar Jahre nicht Wiedersehen. Diese Abschiede werden sich in den nächsten Wochen noch häufen. Der Abschied von meiner Familie wird schwierig.

Die Vorstellung ich wäre mein eigenes Kind… hinterlässt eine Stille.

2019. Ein schönes Jahr. Mit der Kraft meiner Freundin L. und dem Vertrauen meiner Familie, habe ich den Neuanfang gewagt, der sich über mehrere Jahre lang angekündigt hat. Ich habe meine Werke in einer bewegenden Solo-Ausstellung zeigen dürfen.
In Prenzlauer Berg. Dem Bezirk, wo ich den Farben die mein Leben für immer prägen sollten 1989 zum ersten Mal begegnete.

Ich bin frei.
Ich bin angekommen.
Und ich bin glücklich, dass so viele Menschen gekommen sind, um diesen besonderen Moment mit mir zu teilen.
Danke.

R.

©2019 Puria Safary