Teil 10: Weiß sein. Der Westdeutsche. Und mein Leben in der fremden Haut.

„Jedesmal wenn ich einen Westdeutschen getroffen habe, dachte ich das er reich ist, im Paradies lebt, alles hat was er sich wünscht.“

 

Niemand. (2019)

 

 

(Copy/Paste for English version: http://www.deepl.com)

Im April 2021 habe ich mich dazu entschieden, mein Studio im CBD (altes Geschäftszentrum von Johannesburg) aufzugeben und mir ein Neues zu suchen. Zu viel ist passiert. Und am Ende habe ich mich nicht mehr getraut ins Studio zu fahren. Es war also ein guter Zeitpunkt umzudenken.

“Wenn du es schaffst aus dem CBD wegzukommen, bleibe weg und komme nicht wieder.” Das habe ich nun oft genug gehört. Oft nachdem ich erzählt habe, warum ich explizit ein Studio im Central Business District (CBD)gesucht habe. „Um möglichst viel über die Vergangenheit und Gegenwart dieser Stadt, dieses Landes und der Menschen zu lernen.“ Und das August House Künstlerhaus gab mir die Chance dazu. Vom Herzen Danke.

Zur Zeit der Apartheid, war das CBD ein reiches Zentrum. Ein weißes Zentrum.

Als die Apartheid 1990, mit der Freilassung Nelson Mandelas beginnt zu zerfallen und 1994 mit den ersten freien Wahlen des Landes endlich endet, zieht die weiße Bevölkerung aus dem CBD in die Vororte Johannesburgs. Menschen der Townships und der vorweg ländlichen Gegend, ziehen nun in die leeren Straßen und Häuser der ehemaligen weißen Luxuswelt und lassen sich nieder. Es liegt näher bei der Arbeit. Der möglichen Arbeit.

Seitdem steht die Zeit fast still im CBD. Es ist das gefährlichste Viertel der Stadt. In der, viele Jahre lang, wohl gefährlichsten Stadt der Welt. Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität prägen die Gegend. Die Polizei prägt die Gegend.

Polizei…

“Wenn du es schaffst aus dem CBD wegzukommen, bleibe weg und komme nicht wieder.” Das verstehe ich jetzt. Ein Jahr lang CBD. Es ist Zeit um weiter zu gehen. Veränderung.

 

Ralph Kretschmar allein und unter Kollegen im August House Künstlerhaus im CBD, Johannesburg.

 

In den letzten Monaten ist mein neues Studio entstanden.

 

Das neue Studio von Ralph Kretschmar entsteht in den Victoria Yards, Johannesburg.

 

Es befindet sich in einer umzäunten Gemeinschaft mit 24-Stunden Security, vielen Grünpflanzen und netten Menschen. Aller Hautfarben – im CBD war ich gefühlt und gesehen der einzige Weiße – und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein tiefes Verständnis für das Leben eines Menschen, welcher in einer Minderheit in der ersten Welt lebt. Wo ich herkomme. Wo “weiß sein” normal ist.

Als ich weiße Menschen in dieser neuen Gemeinschaft arbeiten und spazieren gehen sehe, fühle ich eine Sicherheit und denke: “Welche von meiner Sorte.”
Ich habe mich erschrocken. Gleichzeitig habe ich etwas gelernt, was mich in meinem zukünftigen Leben positiv begleiten wird. Ein Verständnis für das Leben als Mensch einer Minderheit. Jeder weiße Mensch sollte das Erfahren.

Es ist schwierig in der Minderheit zu leben, egal wo. Und man muss sensibilisiert und kritisch damit umgehen. Sich selbst beobachten und offen sein. Es ist naiv zu denken, dass jeder Mensch gleich ist. Dieser Gedanke ist ein Privileg des weißen Menschen. Umso mehr muss der weiße Mensch sich diesem Privileg bewusst sein. Sich dieses Privileg bewusst machen.

Wie es wohl ist in der Minderheit zu leben? In Deutschland konnte ich es nur theoretisch nachvollziehen. Wenn überhaupt. Und in Urlauben konnte ich es nur oberflächlich spüren. Die Zeit ist einfach zu kurz.

Wenn man durch seine Hautfarbe “nicht dazugehört”, als Mensch einer Minderheit lebt und arbeitet, begleitet dich jeden Tag eine sensible Angst. So geht es mir jedenfalls hier. Manchmal mehr. Manchmal weniger. Doch weg ist sie nie. Wenn man zur “Mehrheit” gehört, muss man sich diesem Status bewusst sein.

Ich lebe hier als ein weißer Mensch in der Minderheit. Und spüre das täglich. Sogar im Auto. Wenn mir die Blicke folgen. Und ich freue mich jedesmal, wenn mir das Gefühl der Minderheit genommen wird. Durch Freundlichkeit. Offenheit. Und Mitmenschlichkeit. Eigenschaften die sich viele Menschen der ersten, weißen Welt abschauen müssen.

Das alles hätte ich wohl nie so intensiv erfahren, wäre ich am Anfang meiner Zeit in Johannesburg mit meinem Atelier gleich direkt in diese neue Gemeinschaft gezogen. In diese sichere “Blase”.

Mal nebenbei: Wenn mir Leute in Deutschland oder sonst irgendwo auf der Welt sagen, vor allem weiße Personen, “Südafrika ist so schön! Ich mache immer Urlaub in Kapstadt!”, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Kapstadt ist Post-Kolonial, weiß, und eine “Blase” die nichts mit dem echten Südafrika zu tun hat. Kapstadt ist Europa, ist die westliche Welt, ist die rassistische Hauptstadt Südafrikas…

Ich bin dankbar für mein Jahr im CBD. Ich habe tolle Menschen und Künstler kennengelernt. Und auch wenn es teils traumatische Ereignisse gab, nehme ich Erfahrungen mit, die mich für mein Leben positiv geprägt haben.

Lerato, Khotso und Mpho. Wir haben uns im August House kennengelernt. Drei tolle Künstler und Menschen. Und jeder von ihnen hat seinen eigenen Stil, der fern der “normalen, gängigen” Kunst hier in Südafrika ist. Deswegen haben wir uns wahrscheinlich auch auf Anhieb verstanden. (Links zu ihren Arbeiten, findest du am Ende dieser Kolumne.)

 

Mit Mpho Nkadimeng und Lerato Motaung im August House Studio von Ralph Kretschmar.

 

Gegen den Strom.

 

Khotso Motsoeneng im August House Studio von Ralph Kretschmar.

 

Die Kunst hier in Südafrika, soweit ich sie gesehen habe, konzentriert sich sehr auf reale Figuren. Menschen und Situationen. Schöne Bilder. Schöne Dekorationen. Mir fehlt oft die Tiefe. Die Wahrheit. Der Mut. Aber das ist nur meine Meinung.

Die häufigste Motivation hier in Südafrika Künstler zu werden, ist es Geld zu verdienen. Was verständlich ist. Die „Firma“ ist günstig zu starten, und wenn man etwas Talent hat, kann man schöne bunte Bilder für die vielen Haushalte und auch Touristen malen. Und die Werke werden sehr gerne gekauft. An einem Tag werden 2-3 Bilder fertig. Möglichst viele, und nicht so teuer verkaufen. Preise werden auch runtergehandelt.

Kunst ist Mut.
Preise werden nicht verhandelt.
Aber auch das ist ein Privileg.

Man verbringt eine sehr lange Zeit mit einer, sagen wir, Erfindung, einer Vision, dem inneren Drang etwas zu verwirklichen, und am Ende hat man kein Geld damit verdient. Und doch hat man etwas besonderes, ehrliches und einzigartiges Geschaffen. Wenn es dann jemandem gefällt, kann man es nur schweren Herzens verkaufen. Hat man doch ein Teil seines Lebens damit verbracht. Deswegen ist Kunst teuer. Man bezahlt die Zeit, das Erschaffen und das Leben, das bis dahin geführt wurde. Ohne diese Erfahrungen gäbe es kein Werk.

Meine Werke dauern oft mehrere Wochen, Monate und mittlerweile auch mindestens ein Jahr um fertig zu werden. Ich habe die Vision einer Geschichte, eine Zeitgeschichte die ich der Zukunft hinterlassen will. Das dauert. Und was danach kommt, das weiß ich nicht. Ist mir egal.

Heute. Dann morgen.

Wer tut das schon. Wissen was dann kommt?

Verkaufen muss ich trotzdem. Ich muss ja leben. Oft mit der Angst beim Malen wo das nächste Geld herkommt. Aber die muss man dann ganz schnell wieder ignorieren.

Vor meiner Zeit im CBD wusste ich auch nicht was mich erwartet. Ich hätte nie gedacht, dass ich den Glauben in die Polizei verlieren werde. Von ihr traumatisiert werde. Oder Schüsse sehe und höre. Den Tod auf der Straße bezeuge und Angst habe in mein eigenes Studio zu fahren. Ich hätte nie gedacht, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben bewusst registriere einen weißen Menschen zu sehen. Und mich allein dadurch sicherer zu fühlen. In Deutschland und auch im Rest der ersten Welt, ist Weiß sein, “normal”. In Südafrika ist Weiß sein, die Minderheit. (Außer in Kapstadt…) Es fällt auf.

Und ja, die weiße Hautfarbe berührt die Menschen hier. Ihre Vergangenheit. Ihre Gegenwart. Weiß sein ist ein Privileg aber auch die Hautfarbe der Schuld.

„Good morning Boss.“ Höre ich oft. Und dabei habe ich nur einen guten Morgen gewünscht.

Oft ist es schwierig für mich damit umzugehen. Und auch dieses Gefühl habe ich nicht erwartet. Doch bin ich dankbar es entdeckt zu haben. Und kann lernen damit umzugehen.

„You are the Boss. I’m  not a Boss“, antworte ich. Wir beide haben ein Lächeln.

Im südafrikanischen Winter dieses Jahres, bin ich in den deutschen Sommer geflogen. Und ich konnte es kaum erwarten. Kurz vorher habe ich es noch geschafft mit meinem Studio umzuziehen, 5 Tage später bin ich auch schon geflogen. Unabhängig von der Sehnsucht nach meiner Familie, hätte ich nie gedacht, das die Sehnsucht nach dem Spazieren gehen, dem “Flanieren” und vor allem der Unsichtbarkeit am größten ist. Ich wollte mit meiner Hautfarbe nicht mehr auffallen. Ich wollte verschwinden. Luft holen. In Sicherheit sein?

Sicherheit. Ein Privileg, was die erste Welt viel zu schnell vergisst. Spazieren gehen, ohne sich umschauen zu müssen. Den Schutz “fallen” lassen. Durchatmen. Träumen. Ein Wein am Wasser. Ein Bier im Park.

Abends.
Nachts.

Südafrika. In einem Land in der die Arbeitslosenquote bei ca. 65% liegt, IST DIE NOT DIE MOTIVATION, DAS NÖTIGSTE ZU TUN. Man darf das nicht verurteilen. 

Hier gibt es keine Sicherheit.

 

Südafrika im Aufruhr.

 

Sicherheit ist teuer.

 

Gewalt und Plünderungen in Johannesburg.

 

Und wenn auch der Staat versagt, kommt es zur Anarchie.

 

Die Polizei plündert mit…

 

Oft denke ich an meine Kindheit in der ehemaligen DDR. Jedesmal wenn ich einen Westdeutschen getroffen habe, dachte ich das er reich ist, im Paradies lebt, alles hat was er sich wünscht. Wir als Ostkinder durften nicht in ihre Welt, aber die Westkinder durften in die unsere. Ich fand sie arrogant und ich habe sie nicht gemocht.

“Scheiss Wessi…”

Auch wenn sie mir nichts getan haben. Mein Neid war groß. Nur konnte man den Westdeutschen nicht anhand der Hautfarbe erkennen. Man musste es wissen.

Der weiße Mensch, ist der “Westdeutsche”. Der weiße Mensch, ist “reich”. In einer Welt wo der weiße Mensch nicht “Zuhause” ist, ist er der weiße Mensch der, der alles hat.

Sich alles nimmt? Genommen hat? Ja.

Und mit dieser Energie und Erwartungshaltung in einem Land zu leben, in dem fast jede*r arbeitslos ist, ist oft schwer zu ertragen. Man ist “Schuld”, egal wann, egal wo. Das ist mein Gefühl. Und zu Recht.

Jetzt muss ich lernen damit umzugehen. Das ist gut.

Der weiße Mensch hat die Vergangenheit geprägt, er prägt die Gegenwart und wird auch die Zukunft stark beeinflussen. Oft schäme ich mich. Ich weiß wie es ist den “Westdeutschen” zu meiden. Weil es weh tut. Er hat was ich nicht habe. Er frei ist. Sorgenfrei?

“Bestimmt. Scheiss Wessi.”

Jetzt bin ich der “Westdeutsche”. Seit die Mauer fiel. Und ich fühle mich fremd in meiner Haut.

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Links:

Mpho Nkadimeng www.instagram.com/mphopostart
Lerato Motaung www.instagram.com/lerato_rato
Khotso Motsoeneng www.instagram.com/khotso_33