Teil 1: Ein Neuanfang.

“Erst musste die Mauer fallen, bevor ich die Welt in Farben sehen konnte.”

(Lesezeit: ca. 10 Minuten)

1989.
Thomas-Mann-Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg.
Der triste rote Backstein eines kalten, mächtigen Gebäudes.
Ich bin auf dem Schulhof und esse mein Schulbrot, als ein Freund grinsend auf mich zukommt und damit prahlt, nachts im Westen gewesen zu sein. Ich glaube ihm nicht.
Er holt Papiermüll aus seiner Hosentasche, um es zu beweisen.
“Ja Ralph, du kannst jetzt in den Westen gehen! Die scheiß Mauer ist weg! Hier, schau mal, das sind die Schnipsel von Westkippen, geil, wa? Lagen da drüben auf der Straße rum… .”

Wenn man schon als Kind einen Lebenstraum erfüllt bekommt, der so groß ist wie der Traum von Freiheit— dann ist es schwer ein Leben zu führen, das nicht von Neugier und Tempo geprägt ist, aber auch von der Angst, diese Freiheit wieder zu verlieren und ihr nicht gerecht zu werden.

Aufgewachsen bin ich im Grenzbezirk Prenzlauer Berg, im Berlin der ehemaligen DDR. Dieser Rückzugsort für die literarische und künstlerische Bohème des Landes und Heimat vieler Oppositioneller, wurde zu einem Zentrum der friedlichen Revolution, die schließlich zum Sturz des DDR-Regimes und damit zum Fall der Berliner Mauer führte.
Die ersten Graffitis die ich in meinem Leben sehe, sind keine Bilder oder bunte, belanglose Wortspiele. Es sind große Schriftzüge, ohne Anspruch auf Schönheit.
“Nieder mit der DDR!”
“Weg mit der Mauer!”
Von Politik habe ich keine Ahnung. Doch schon als Kind spüre ich die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und die Angst vor dem „unsichtbaren Mann“, eine Bezeichnung für den Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi).

Ich beginne zu malen und versuche damit meine Gefühle und Gedanken irgendwie sichtbar werden zu lassen. Sie zu sehen, sie nicht nur zu fühlen. Denn auch meine Sehnsucht nach Freiheit wird jeden Tag stärker— und lauter.
“Die Welt von der du da sprichst, wirst du nie sehen, Ralph! Sei stolz auf dein Vaterland!”
Schon in der Schule nehmen sie sie mir— die Träume von der Welt und vom goldenen Westen.
Meine Tante und mein Onkel leben dort.
Westverwandtschaft.
Meine Cousins leben in Freiheit.
Ich nicht.
Sie können mich besuchen.
Ich sie nicht.
Meine Cousins haben ein BMX-Rad.
Ich nicht.
Es gibt kaum einen Tag in meiner Kindheit, an dem ich nicht von der Welt hinter der Wand träume. Für mich ist es nicht nur eine Mauer. Sie ist mehr als das. Ein Symbol dafür, dass ich nie ein Teil dieser Welt sein darf. Und nichts kann daran etwas ändern. Die Mauer ist real und wird zu einer Wand in meinem Kopf.
Nichts sehen? Nichts sagen? Nichts träumen? Nichts fragen?
So viele Grenzen. So viele Verbote.
Ich bin wütend. Hilflos. Einsam.

Und auf einmal ist er da.
Der Junge hinter der Wand.
Es ist nachts, eigentlich sollte ich schon längst schlafen. Doch ich stehe am Fenster und schaue in den Himmel. Ich versuche meine Tante zu sehen. Sie ist vor kurzem gestorben. Meine Eltern sagten mir, dass sie mich von dort oben aus sehen würde. Ich bin 4 Jahre alt.
Auf einmal steht er rechts neben mir und legt seine Hand auf meine Schulter. Und so groß die Angst in diesem Moment auch ist— ich kann mich nicht von ihm lösen. Durch seine unterschiedlich großen, steinförmigen Augen sieht er mich an. Linien durchziehen seine Augen und seinen Mund.
Ich entdecke ein Lächeln. Und dann verschwindet er wieder. Wer bist du?
Ich lege mich schlafen und hoffe ihn bald wieder zu sehen.

Die Jahre vergehen und wir werden Freunde.
Er ist ein Junge wie ich.
Eine Fantasie die mir Kraft gibt, mich beruhigt.
Gemeinsam verstecken wir uns.
Immer dann, wenn uns die reale Welt zu viel wird.
Ich spreche nie über ihn.
Und male ihn nie in meinen Bildern.
Aus Angst ihn zu verlieren.
Aus Angst wieder allein zu sein.
Ein Geheimnis.
Mein Geheimnis.

1986.
Einschulung.
Mein erster Schulappell. In Uniform. Wichtig. Wir sind ja Pioniere.
Die Schüler aller Klassen stehen im Viereck aufgestellt gemeinsam auf dem Schulhof und müssen salutieren. Einer der älteren Schüler wird vom Direktor in die Mitte zitiert, sodass ihn alle sehen können. Er demütigt den Jungen und beendet seine Rede mit einem Tadel.
Ich frage mich, ob der Junge auch jemanden hat, bei dem er sich verstecken kann.
Demütigungen. Anschuldigungen. Sie kommen und gehen.
Ich mag meinen Mathelehrer. Eines Tages ist er weg. Einen Volksverräter nennen sie ihn.
Vielleicht flüchte ich auch, wenn ich groß bin. Diesen Gedanken behalte ich aber für mich.
Mit dem Fall der Berliner Mauer verschwindet auch mein Heimatland.
Heimatlos.
Nicht, dass ich es vermisse. Doch ein Gefühl bleibt. Ein Gefühl fehlt. Vielleicht finde ich es wieder. Irgendwann.

Ich bin rastlos. Getrieben von der Angst, meine Freiheit wieder zu verlieren. Ein Pochen, das nicht verschwindet. Und immer lauter wird.
Wie als Kind im Intershop. Einem Laden, in dem man als Ostdeutscher Westwaren kaufen kann.
Ich will alles haben. Alles kaufen. Und nie wieder gehen.
Ich bin im Westen!
In Freiheit? Nein.
Einmal gehen meine Großmutter und ich auf einer Autobahnraststätte in einen Intershop.
“Ralphi, jetzt musst du so tun, als wärst du ein Westdeutscher. Sonst können wir hier nichts kaufen und müssen wieder gehen.” Denn sie hat nicht das spezielle Forumscheck-Geld dabei. Ausschließlich mit diesem Geld dürfen DDR-Bürger in den Intershops einkaufen. Das Forumscheck-Geld geben sie Ostdeutschen im Tausch gegen echtes Westgeld.
Oma hat heute nur richtige Westkohle.
Also dürfen wir nicht auffallen.
Leichter gesagt, als getan. Manche Produkte habe ich schonmal im “Westfernsehen” gesehen! Ich kann meine Begeisterung nicht zurückhalten— meine Oma packt mich am Arm und ohne etwas gekauft zu haben, verlassen wir zügig den Laden. Ich fühle mich schuldig.

Ich habe das Gefühl nicht dazu zu gehören.
Ich gehöre nie dazu.
Im Intershop bin ich ein Außenseiter.
Und in der Stadt bin ich ein Niemand. Jedenfalls in den Augen der West-Besucher.
Keine Ahnung, wie sie uns erkennen. In ihren Augen sehe ich Mitleid.
Einmal, auf dem Alexanderplatz, schenkt mir jemand einen Schokoriegel. “Dann hast du auch mal was Schönes”, sagt die Frau.
Ich bin das Kind aus dem Osten. Der Junge hinter der Wand.

Als ich auf dem Schulhof vom Fall der Mauer erfahre, habe ich Angst. Ich will nach Hause. Die Energie in den Straßen ist unberechenbar. Ich habe Angst vor den Menschenmassen. Und Angst mich zu freuen.
Alles ist fremd.
Ist das das Gefühl von Freiheit?
Wie eine Welle schwappt sie über mich rüber und erdrückt mich.
Niemand kann es glauben.
Noch am selben Tag gehe ich mit meiner Familie über die Bornholmer Straße in den Westen.
Ein seltsames Gefühl. Ich kann es nicht beschreiben. Und ich habe Angst davor, wieder zurück nach Prenzlauer Berg zu gehen.
Vielleicht wird die Mauer wieder geschlossen?
Vielleicht sollte ich rennen. Wie mein Mathelehrer?
Das erste mal in meinem Leben sehe ich die Welt in Farben. Als wäre meine Welt bis zum heutigen Tage grau gewesen. Ja, anders kann ich es nicht ausdrücken.

Nach dem Mauerfall fühle ich mich wie im Intershop. Ich will alles machen. Alles sehen.
Etwas aufholen?
Nachholen?
Ja.
Nie wieder Außenseiter sein! Nie wieder Niemand sein!
Diese Wut verankert sich fest in meinem Herzen und bestimmt fortan mein Leben.
Ich muss mich verwirklichen. Muss einen Weg finden mich auszudrücken, einen Weg finden gesehen zu werden und dieser Freiheit gerecht zu sein.
Damit beginnt eine Suche.

Noch in der DDR sichtet man mich für den Leistungssport. Das ist so üblich. Mir wird mitgeteilt, wofür ich aus Sicht des Staates geeignet bin. Und das mache ich dann.
Schwimmsport?
Ich will kein Profi werden. Nur gut genug sein, um mit einer Empfehlung des Landestrainers auf einem Sport-Gymnasium angenommen zu werden. Das hat dann auch geklappt.
Es macht mich stolz, ein Schüler dieser Schule zu sein. Das Gefühl kannte ich vorher noch nicht.
Stolz.
Stolz und voller Erwartungen sind auch meine Trainer.
Streng.
Leistungsorientiert.
Und wie ich auch— mit DDR-Vergangenheit. In den folgenden Jahren nehmen sie mir die Freude am Schwimmsport.
Also wechsle ich die Sportart. Gleich zwei Mal.
Ich lande nach einem kurzen Aufenthalt beim Leichtathletik-Hochsprung schließlich beim Basketball.
Und zum ersten Mal spüre ich eine echte Leidenschaft.
Leidenschaft! Beim Spielen höre ich einen Rhythmus, einen Beat. Ich tanze. Jedes Mal wenn ich einen Ball in der Hand halte, bin ich glücklich.
Ich habe mich noch sie so frei gefühlt.
Ich will Profi werden.

In dieser Zeit verliere ich den Kontakt zum Jungen hinter der Wand. Je glücklicher und leidenschaftlicher ich bin, desto mehr vergesse ich ihn— und verdränge meine Kindheit.
Vielleicht ist das der Grund?
Ob er enttäuscht ist?
Ich weiß nicht wo er ist.
Ist mir auch egal. Denn ich bin glücklich!

Neben dem Sport entdecke ich meine Liebe für Hip Hop und fange an zu rappen. Mit 14 Jahren gründe ich eine Band, beginne Musik zu komponieren und nehme Gesangsunterricht.
Der Traum vom Basketball.
Und die Liebe zur Musik.
Eine Zeit, in der ich wirklich glücklich bin.
Und dann der Bruch.
“Für ihre Gesundheit wäre es am besten, wenn sie den Leistungssport aufgeben, Herr Kretschmar.”
Niemand weiß was mir fehlt und erst Jahre später können die Ärzte meine Krankheit diagnostizieren. Mit den richtigen Medikamenten hätte ich weiterspielen können.
Mit 17 Jahren bricht meine Welt zusammen.
Ich lasse es mir nicht anmerken. Ich will stark sein. Nicht aufgeben.
Doch die Wand ist zurück.
Und mit ihr die Frage nach dem: “Was jetzt?”
Das einzige, was mir noch bleibt, ist die Kreativität.
Sie gibt mir Halt. Und Hoffnung.

Nach dem Abitur studiere ich Darstellende Kunst in Berlin.
Ich will Filmschauspieler werden. Wie die Helden meiner Kindheit aus dem “Westfernsehen”.
Im Laufe der kommenden Jahre drehe ich viele Filme und Serien, schreibe Drehbücher und Geschichten und produziere Musik, u.a. auch Songs für Filme, in denen ich mitspiele. Im Kinofilm “Hangtime – Kein leichtes Spiel” verkörpere ich einen Profi-Basketballer. Damit geht nachträglich ein kleiner Traum in Erfüllung.
Ich bin fest davon überzeugt auf dem richtigen Weg zu sein.

Doch das Gefühl von Leidenschaft kommt und geht. Und mit ihr die Freude. Sie bleibt nicht.
Ich bin nervös.
Rastlos.
Und wütend.
Darüber, noch immer keinen Weg gefunden zu haben die Wand einzureißen und das ständige Pochen in meinem Kopf abzustellen.
Ich habe Angst meine Zeit zu verschwenden.
Angst davor, dass diese Wand für immer mein Leben bestimmen soll.
Selbstverwirklichung!
Selbstverwirklichung?
Ich bin Filmschauspieler im “Westfernsehen” und bereise dabei die “verbotene Welt”.
Ja sogar den Atlantik überquere ich.
Ich erfülle mir Kindheitsträume.
Ich muss doch frei sein!?
Frei—
Aber wie kann ich frei sein, wenn ich mich eingesperrt fühle?
Nichts ist mehr wichtig.
Schon lange fehlt mir das Gefühl gebraucht zu werden.
Was ich mache hat kaum Bedeutung. Und wird dieser Freiheit nicht gerecht.
Mit den Jahren verliere ich Menschen die ich liebe, die mir Halt geben.
Menschen denen ich vertraue.
In der privat und beruflich schwersten Zeit meines Lebens treffe ich ihn dann wieder.
Nachts in einem Traum.
Den Jungen hinter der Wand.

Wo bist du gewesen?

Ich habe ihn vergessen.
Ich habe meine Vergangenheit vergessen.
Er umarmt mich und erinnert mich an meine Kindheit; an den Moment, als ich die Freiheit 1989 zum ersten Mal spüre und sich eine graue Welt in eine Welt voller Farben verwandelt.
Das erste Mal nach langer Zeit fühle ich mich wieder geborgen.
In den folgenden Monaten ziehe ich mich zurück.
Denke nach.
Mein Herz wird ruhiger.
Und ich beginne wieder zu malen.
Die Farben kehren zurück zu mir.
Und mit ihnen die Leidenschaft.
In dieser Zeit verliere ich die Freude an der Filmbranche. Ich will niemandem mehr gefallen. Keine Erwartungen mehr erfüllen. Weder vor, noch hinter der Kamera. Also treffe ich im Februar 2019 die Entscheidung, den Beruf des Filmschauspielers loszulassen.

Kaltes Wasser.
Doch ich bin nicht alleine.
Das erste Mal in meinem Leben bin ich nicht mehr nervös. Und nicht mehr abgelenkt.
Ich habe das Gefühl mit meiner Kunst etwas Positives bewegen zu können.
Mit dem was ich mache von Belang zu sein.
Die Wut ist verschwunden und mit ihr die Angst.
In meinen Bildern finde ich mich— und auch den Jungen— wieder.
Gemeinsam mit ihm finde ich den Mut über alles zu reden.

Ich bin frei und habe endlich das Gefühl, dieser Freiheit gerecht zu werden.

Ich verbrachte Jahre damit, die Geschichten anderer zu erzählen— in der Hoffnung die meine zu finden.
Jetzt beginne ich meine Geschichte zu erzählen.
In der Kunst.
In meinen Bildern.
Als Zeitzeuge der Vergangenheit und der Gegenwart.

R.